Category Archives: Font-Inspektor
Zweieiige Zwillinge – Teil 2
Schon vor einigen Tagen habe ich mein Déjà-vu mitgeteilt. Irgendwie kamen mir fluege.de und Linola immer ähnlich vor. Dasselbe Phänomen spüre ich bei dem neuen Produkt von »Emmi Swiss Müesli«. Das Produkt aus der TV-Werbung kam mir sofort vertraut vor. Aber wieso? Die Werbung hab ich nie gesehen und Emmi kenne ich nur beiläufig. Doch bei der zweiten Ausstrahlung hatte es mir keine Ruhe mehr gelassen und bin ins Grübeln gekommen. Und siehe da: Es fiel mir ein. Der Schriftzug erinnert mich stark an die US-Serie »Desperate Housewives«. Das ist kein Plagiatsvorwurf! Keinesfalls! Aber es ist immer wieder spannend, wie Farbe und Typogestaltung sich so einprägen kann wie das Serienlogo.
Zweieiige Zwillinge
Kennt ihr das Phänomen, dass man ein simples Logo sieht und gleich an ein anderes denken muss? So geht es mir, sobald ich die Werbung von fluege.de oder Linola sehe. Dabei ist die Art der Typo gar nicht so extrem ähnlich. Beide benutzen jedoch den selben Font: Eras. Das Reiseportal fluege.de vertraute dem Font und lies ihn fast unberührt. Linola hingegen stellte die leicht schräge Eras wieder gerade. Unterstützt wird die ganze Wirkung noch durch die Farbkombination. Kennt ihr ähnliche Fälle bezüglich Typografie, die so wirken als wären sie nach der »Geburt« getrennt worden?

ALTERNATE mit kostenlosem Logo-Schriftzug
Einer der bekanntesten Versandhändler für PC und Unterhaltungstechnik feiert dieses Jahr Firmenjubiläum: ALTERNATE wurde 1992 gegründet und wird somit 20 Jahre alt. Grund genug die etwas eingestaubte Optik aufzupolieren. ALTERNATE war zuvor jahrelang mit einem simplen aber markanten Schriftzug unterwegs. Auf jeglichen »Schnickschnack oder Gladderadatsch« wurde verzichtet. In rot und Versallettern tat es hier wohl auch. Umso schwieriger ist jedoch die Aufgabe eines Redesigns. Weder sind die Buchstaben charakteristisch genug, noch besteht ein Signet, dass man modifizieren bzw. modernisieren könnte.
Bevor man am ursprünglichen Schriftzzug »herumdoktort« entschied sich das Unternehmen für eine neue Schriftart. Nicht mehr gar so kantig, mit freundlichen Schwüngen (beim A) und einprägsamen Lettern (wie beim R). Die kostenlose Schrift Aller mit dem Display-Schnitt schien für das Unternehmen die perfekte Lösung gewesen zu sein. Da sie kostenlos zur Verfügung steht, möchte man sie nicht sofort als unprofessionell abstempeln – schließlich können auch Free-Fonts wertig genug sein. Die verwendete Aller kommt zudem aus dem Hause Dalton Maag, die vor allem durch die Ubuntu-Schrift bekannt wurde.
Fraglich ist nur, inwieweit ein rein typografisch gelöstes Logo eigenständig bleiben kann, wenn der Font kostenlos für jeden zugänglich ist. Somit könnte jeder schnell und einfach den Font laden und in der ALTERNATE-Optik arbeiten.
Kann ein Unternehmen professionell genug wirken, wenn eine Schrift verwendet wird, die man rein theoretisch selbst auf dem PC hat? Oder ist das absoluter Unsinn, ob eine Logo-Schrift etwas gekostet hat oder nicht bzw. frei zugänglich für jeden ist? Wie ist eure Meinung zu Freefonts als Logotype?
Ein Schüßler-Salz typografisch begutachtet
Für manche ist es der größte Humbug, für die anderen ein überzeugendes homöopathisches Arzneimittel: die Schüßler-Salze. Diese Salze sind alternativmedizinische Präparate von Mineralsalzen. Der Arzt Wilhelm Heinrich Schüßler war der Meinung, dass Krankheiten durch Störungen des Mineralhaushalts der Körperzellen entstehen. Die Salze sollen dabei helfen, wieder alles in Schwung zu bekommen. Die Deutsche Homöopathie-Union in Karlsruhe stellt diese Salze her und bringt diese an den Patient. Und seit Neuestem sind die Schüßler-Salze im neuen Gewand: ein typografisch-interessanter Wandel.
Mittelachse kombiniert mit linksbündig

Links »die Alte«, rechts »die Neue«: Zuvor setzte DHU auf konsequententen linkbündigen Satz. Sowohl Ziffer, als auch Bezeichnungen standen in Reih und Glied. Doch nun mischen sich nicht nur die Schriftart, sondern auch die Achse des gesetzten Textes. Etwas merkwürdiges Gesamtbild, mit dem man sich anfreunden muss. Besonders die befremdlich wirkende Ziffer in einer anderen Typo irritiert zusätzlich zur Zentrierung.
Die Eszett-Regel bei Großschreibung

Wir haben in der Typo-Schule gelernt, dass man bei der Großschreibung ein Eszett in ein Doppel-s ändert, solange es kein offizielles Versal-Eszett gibt. Doch hier zwängt man den den Eigennamen »Schüßler« in die Versal-Schreibweise. Das tut jedem Typo-Herzen weh. Wieso muss denn ausgerechnet bei einem Eszett-Namen diese Formatierung zum Einsatz kommen? Verständlich, dass man den bekannten Namen »Schüßler« nicht in »SCHÜSSLER« ändern möchte, aber ist diese Lösung die bessere?
Beim Druck ein Schriftschnitt fetter?

Drucktechnisches Problem: Auf der Pappverpackung erscheint die Schrift um einiges klappriger als auf der Salbe selbst. Was die andere zu wenig hat, hat die andere zuviel. Keines der beiden scheint das gewollte Ergebnis zu besitzen. Der Unterschied sieht um einen eine Schriftstärke höher aus.
Ein Rücken kann auch entzücken

Sogar die Rückseite war vorher durchdachter. Zuvor hat der Text und der hellblaue Hintergrund einen angedachten Platz besessen. Der farbige Fond schloss passend zum Text ab. Die neue Rückseite führt ebenso die blaue Fläche von der Vorderseite fort, jedoch wird der Text hier willkürlich gekappt. Somit trennt sich der Text optisch, obwohl er noch zusammengehört.
Man hoffe, das die Verpackung weiterentwickelt wird, denn die Qualität, trotz Blingbling-Gold-Veredelung kann es typografisch schon einmal nicht beibehalten. Oder was meint ihr?
SAT.1 mit neuer Webfont-Website
In den letzten Jahren ist SAT.1 in der Selbstfindungsphase: Kein On-Air-Design wurde womöglich in so kurzer Zeit so oft geändert als das von SAT.1. Für die niedrige Quoten machte man nicht das Programm, sondern wohl eher das Design verantwortlich. Ich selbst fragte mich nach all den Designversuchen jedoch schon immer, wieso SAT.1 nichts aus der Form des bekannten SAT.1-Balls macht. Schließlich bietet es sich ja an. Zwar hat VOX ebenso eine Kugel, jedoch sind Kreise im On-Air-Design selten gesehen. Mittlerweile macht sich SAT.1 die Kreisform zum neuen Corporate-Design-Hauptelement – gebündelt mit vielen bunten Farben.
Wie bereits berichtet, wechselte SAT.1 wie EUROSPORT und ZDF_neo schon vor einiger Zeit zum Font Klavika. Diese kam im Online-Design jedoch nie zum Einsatz, da SAT.1 über mehrere Designwechsel mit demselben Webauftritt leben musste. Doch anscheinend hat sich das aktuelle Design durchgesetzt und es ist somit wert, dem Sender eine eigene neue Website zu spendieren, die zum On-Air-Design passt. Der Schwesternsender kabel eins aus der ProSiebenSat.1-Gruppe hat vorbild vor kurzem vorgemacht: Den Corporate Font nicht nur On-Air, sondern auch Online zu verwenden. Womit sich die Macher der kabel-eins-Website bereits genug Lob durch den Einsatz des Webfonts Neo Sans einheimste. Nun verwendet SAT.1 für das neue Webdesign ebenfalls den eigenen Corporate Font Klavika. Zwar bleiben kleingeschriebene Texte noch in der Systemschrift Arial – was aber der Gesamtoptik keinen Abbruch tut. Durch den Webfont Klavika kann der TV-Sender die Schrift noch intensiver und klarer einsetzen. Großer Vorteil: es müssen keine Grafiken fürs Web erstellt werden, der Webfont erstrahlt klar und gut lesbar, zudem freut es jede Suchmaschine.
Glückwunsch an die Macher des neuen Webdesigns und dessen Umsetzung. Denn Websites ohne Webfont werden durch den großen Einsatz vieler Webfont-Websites mittlerweile zu Trash-Sites. Diesen Schritt durfte die ProSiebenSat.1-Gruppe nicht auslassen. Neben ProSieben, Sat.1 und kabel eins bleiben nur noch der Sender sixx und N24 der Sendergruppe ohne Webfont.
Gleiche Idee in der Typo
Februar 2007: Der Bayrische Rundfunk präsentiert sein neues Logo. Das jahrzehnte lang existierende Logo, das seit 1963 bestand wurde nun abgelöst. Trotz der ständigen Diskussion um das Logo hielt es immerhin 44 Jahre. Viele kritisierten das beständige Logo, dass es nicht als Kürzel BR zu erkennen ist – vielmehr ein spiegelverkehrtes EF mochten viele erkennen. Ob sich der Bayrische Rundfunk der Kritik ergab – oder sich einfach modernisieren mochte, bleibt offen. Das neue Logo ist nun eindeutig als BR-Kürzel zu erkennen. Das R wurde räumlich hinter das B gesetzt, damit somit der Hauptstrich des R nicht mehr sichtbar ist.
Juli 2007: Die United News Network GmbH startet das neue Presseportal lifePR. Also nur wenige Monate nach der Präsentierung des BR-Logos setzt das Portal ein ziemlich ähnliches Logo ein. Zufall oder Ideenklau?
In der Gestaltung neigt man bei Logos zur starken Reduzierung, um sie beständig und zeitlos zu machen. Das BR-Logo verzichtet auf jeglichen Schnickschnack und Effekte. Somit bleibt das Logo auch noch nach dem Glossy-Zeitalter unverändert bestehen.
The Voice of Germany – und der passende Font dazu
Seit einigen Wochen läuft die neue Castingshow »The Voice of Germany« auf Sat.1 und ProSieben, die den übersättigten TV-Casting-Dschungel neu aufmischen soll. Sicherlich nicht komplett vorbildlich, aber qualitativ hochwertiger als gewohnt ist die Show in allen Schlagzeilen. Das aus den Niederlande stammende Format ist grafisch gar nicht so schlecht: Die Diagonale und die Typo, die sich in andere Länder – wie Deutschland – gut adaptieren lässt, brauch sich nicht zu verstecken…
Einerseits mag einem die Schriftart bekannt vorkommen – jedoch aber auch als neu erscheinen. Das kann gut sein: Die verwendete Schriftart TradeMarker [FontFont] ist ziemlich selten gesehen und kommt nun in diesem TV-Format wieder zum Einsatz.

Und so erhält man die typische Optik von »The Voice of Germany«:

Schrift setzen, Konturen vergeben und einen leichten inneren Schein setzen – fertig ist die Optik.
E.ON nutzt Polo
Jedem größeren Unternehmen bedarf es einem eigenen Corporate Font. Entweder lässt das Unternehmen bzw. die Marke einen Font speziell und exklusiv herstellen (Beispiel: Die Bahn) oder man man beherrscht den Griff in den »Font-Topf«. E.ON verlässt sich bei der Wahl der eigenen »Hausschrift« auf die Satzschriften von Georg Salden. Die TypeManufactur vertreibt mehrere hochwertige Schriften: darunter auch die Polo. E.ON greift auf diesen Zeichensatz zurück, wobei sicherlich ein eigene Lizenzfamilie erstellt wurde. Polo ist eine Grotesk, die jedoch den Mengensatz beherrscht. Schon bereits 1972 wurde sie erstellt und seitdem ständig weiterentwickelt und ergänzt.
O2 can do: Ich will noch mehr Schriften empfangen!
O2 can do: Momentan ist das Telefonica-Unternehmen O2 etwas im Schriftenwirrwar. Was früher ordentlich und konsequent in der Frutiger gesetzt wurde, ist nun etwas wirr. O2 versucht anhand unterschiedlicher Gestaltungen der Headlines (für gewisse Aktionen) genug Abgrenzung zu schaffen. So wurde bereits für die Aktion »Mehr Netz« die Buchstaben etwas näher gerückt. Doch es geht noch weiter…
Nch dem Relaunch der Website vor einigen Tagen erhoffte man sich etwas mehr. Technisch greift die O2-Website noch auf keine Webfonts zu, sondern gibt sich mit Bilder-Headlines, Skripte, Flash-Elementen und der Systemschrift Verdana zufrieden. Schade eigentlich. Denn mit der Frutiger hätte O2 auf so einige Bilder und Flash-Elemente verzichtne können. Wie man in diesem Beispiel sieht, sind die Headlines als Bilder dargestellt. der Text darunter als realer Text (Verdana). Die Empfehlungsbox wird wiederum als geschlossenes Element eingeblendet. Der Link steht wieder gewohnt in der Systemschrift.
Ob nun die Rounded-Schrift oder Frutiger. Vielleicht doch als HTML-Text? Die unschlüssige Handhabung erkennt man an der Aktion »Unglaublich stark. Super günstig.« Ignoriert man erst mal den Fehler mit der Zeichensetzung, so unterscheidet sich die Aktion typografisch auf der Startseite (oberes Bild) von der Unterseite (unteres Bild).
Im Vergleich: »FF DIN« und »DIN Next« (Update)
(Update-Hinweis: Die Vergleichstabelle wurde aktualisiert. Linotype konnte auf Anfrage weitere Informationen nachreichen, die über die Website nicht ersichtlich waren.)
Die Norm DIN 1451 normte ab dem Jahr 1936 die Schrift für die Bereiche Verkehr und Technik eingesetzt. Die DIN hatte viele Vorteile zu Gunsten der Lesbarkeit. Zum Beispiel unterscheiden sich das große I und das kleine l deutlich voneinander, was bei vielen Schriften nicht der Fall ist. Somit können keine Missverständnisse auftreten.
Noch bis heute ist die DIN-Schrift in den beidem Formen DIN Mittelschrift und DIN Engschrift durch Verkehrsschilder im Einsatz und dadurch bekannt. Auf deutschen Kfz-Kennzeichen kam sie sogar noch bis zum Jahre 2000 zum Einsatz. Die Deutsche Bahn verwendet eine abgewandelte Form der DIN für ihre Zugbeschriftungen ebenso bis heute.
Seit 1995 ist auch eine modernisierte und erweiterte DIN von Albert-Jan Pool erhältlich. Sie beruht auf der ursprünglichen DIN 1451 und ergänzt diese um viele weitere Schnitte (von dünn bis fett). Das Prinzip der älteren DIN, eine gleichbleibende Strichstärke beizubehalten, wurde gekippt. Die FF DIN von FontFont, einer Marke von FSI Font Shop International, war im Gegensatz hierzu bei den Horizontalstrichen dünner, als die der vertikalen. FF DIN erweiterte nicht nur die Schnitte für die Mittelschrift, sondern auch die der Engschrift (hier Condensed genannt). Zudem erhielten alle Formen und Schnitte einen »echten« Italic-Schnitt. Als ob dies nicht an Komfort ausreichen würde, gibt es zudem alternative Letter (ein geschlossenes A, alternatives @-Zeichen etc.) und eine großzügige Sprachunterstützung. Die abgerundete Version DIN Round rundete ab 2010 sprichwörtlich noch alle möglichen Formen ab.
Somit setzte sich die DIN auch im Design-Bereich durch. Damals dachte man sich vielleicht: Aber wieso? Und wer will das schon? – Die Antwort: viele. Und weshalb? Aufgrund der Vorteile an guter Lesbarkeit, Neutralität und Zeitlosigkeit wurde die FF DIN im Grafikdesign ständig eingesetzt. Viele bekannte Marken wie Puma, Yello Strom oder EnBW schmücken sich mit der gut einsetzbaren DIN. Zudem ist sie in zahlreichen Layouts vertreten.
Auch einer der bekanntesten Schriftbibliotheken Linotype lies an der DIN arbeiten. Akira Kobayashi erarbeitete im Auftrag von Linotype weitere Schnitte für die ursprüngliche DIN – und erschien im Jahr 2009, wenige Jahre nach dem Erscheinen der FF DIN (1995). Die Ecken der DIN Next sind im Gegensatz zum Original leicht abgerundet. Zudem bietet es zusätzliche Formen: Die Ziffer 1 mit einer Basisserife, die 6 und 9 als abgerundete Form, oder die 7 und das Z mit einem Querstrich in der Diagonalen.
Zum Verwechseln ähnlich?
Soll ich nun die FF DIN oder die DIN Next nehmen? Welche ist dir Richtige? Welche besser? Welche erfüllt meinen Zweck? Zur Übersicht beider Versionen der DIN im 21. Jahrhundert gibt es hier im direkten Vergleich. Mehr Details und alle kompletten Glyphen-Tabellen zur FF DIN gibt auf www.fontfont.com – Linotypes DIN Next bietet dies ebenso auf ihrer Website www.linotype.de. Die Preise in der folgende Tabelle sind Bruttopreise. Sollen noch Fragen bestehen, so schreibt mir einfach eine Mail.

Preise inkl. MwSt. / Alle Angaben sind nicht verbindlich. Der Vergleich beruht auf den Angaben der jeweiligen Hersteller.
Klavika: Sportlich genug?
Am 14.03.2011 wurde bereits in der Rubrik »Font-Inspektor« über die Klavika und deren Verwendung für die TV-Sender Sat.1 und ZDF_neo berichtet. Als ob das nicht genug sei, nutzt nun bereits der dritte TV-Kanal EUROSPORT ebenso die »Klavika«. Was für den Familiensender Sat.1 und für den Spartensender ZDF_neo funktionieren soll, muss nun auch für das sportliche Programm herhalten.
Im Logo ist die »Klavika« noch kursiv gestellt, jedoch in allen weiteren Hinweisen gerade, was die Schrift etwas unsportlich erscheinen lässt. Gerade da sie doch so technisch und geradlinig daherkommt. Sobald der Kindersender KIKA ebenfalls zur »Klavika« greifen sollte, erhält dieser Font die Auszeichnung zur einsatzreichsten Schrift in der TV-Welt.
»Avant Garde« ist wieder in Mode
Von vielen gehasst – von vielen jedoch auch geliebt und oft genutzt: die »Avant Garde«. Anfang der 70er wurde sie für das gleichnamige Kunst- und Polit-Magazin entworfen, die dort mit typografischer Höchstleistung zum Einsatz kam. Die besonderen und unkonventionellen Ligaturen der Versalien machten die Schrifttype ganz besonders.
Während die »Avant Garde« in vielen Font-Kollektionen – wie ITC, Monotype, Bitstream, URW++ oder Linotype – zur Basisaustattung gehören, sieht man sie trotz alledem in Layouts oder Designs eher selten. Nur in einer Branche scheint die »Avant Garde« seit längerem ein Comeback zu feiern: nämlich in der Modewelt*.
In keiner anderen Branche scheint die geometrische Form so beliebt, aber zugleich auch so beliebig zu werden. Der »Font-Inspektor« hat sich folgende Modeunternehmen mal etwas genauer angeschaut.
Klavika – ab in den Warenkorb
Die »Klavika« aus dem Hause Process Type Foundry feiert zur Zeit große Erfolge. Gut ausgearbeitet und als umfangreicher Zeichensatz konnte sich der Font in der Medienwelt durchsetzen. Seit Kurzem ist er auch als Webfont erhältlich. Da freut sich jeder Corporate Design-Liebhaber.
Der wohl bekannteste »Klavika«-Einsatz ist das »Facebook«-Logo. Hier erscheint der Erfolgsfont in modifizierter Form. Zudem nutzen gleich 2 Fernsehsender Sat.1 und zdf_neo den von Eric Olson gestalteten Font. Wenn man ganz bewusst TV-Spots oder Broschüren anschaut, fällt auf, dass die »Klavika« von Kunden und Designer immer beliebter wird. Fraglich ist jedoch, ob die so charakteristische Schrift nicht bald zur Allgemeinlösung wird.
Mehr an »Max« für Zalando
Zalando ist ein Online-Shop für Schuhe – und mittlerweile auch Bekleidung. 2008 öffnete der Shop seine Pforten für »süchtige« Kunden – denn der Versand und Rückversand ist kostenlos. Somit kann die Kaufsucht in Sachen Schuhe ständig befriedigt werden. Rund um die Uhr.
Durch das ständige wachsende Angebot und die Erweiterung im Bereich Bekleidung geht Zalando einen strickten und überzeugten Weg nach vorne. Jedoch scheinen die »Macher« vom Logo selbst nicht ganz so überzeugt zu sein. Schon zum dritten Mal innerhalb drei Jahren wurde das Logo überarbeitet.
Im ersten Schritt wurde die »FF Cocon« von FontFont verwendet. Da diese wohl zu spitz zulief, wurde diese im Relaunch überarbeitet bzw. stark modifiziert. Alle spitzen Schweife wurden gekappt und somit zugleich die charakteristischen Züge der »FF Cocon« genommen. Welches Logo vorher aufmerksam machte, schien nach der Modifizierung zwar chic, aber auch zugleich fast unauffällig und gleichgültig.
Tatsächlich schien Zalando mit der Modifizierung unzufrieden gewesen zu sein. Seit kurzem ist das Logo wieder mit neuer Typo in allen Medien in Verwendung. Nicht nur der »Wick«-Drop wurde aufgeblasen, sondern auch die Schriftart wurde ausgetauscht. Ab sofort soll es die »FF Max« (FontFont) richten. Um das Logo noch mit einem aktuellen Trend aufzuhübschen, hat man dem ganzen noch einen Glossy-Effekt aufgedrückt. Das zusätzliche Zusammenrücken der Buchstaben macht das Logo auch etwas kompakter.
Für alle weiteren Auszeichnungen auf der Website greift übrigens Zalando gerne auf die »ITC Avantgarde« zurück. Diese scheint wohl in der Modewelt sehr beliebt zu sein. OTTO hat sie seit längerem sogar zum Corporate Font gemacht. Auch das damalige Versandhaus Quelle kickte ihre eigentliche Hausschrift »Interstate« und ersetzte sie ebenso durch die »AvantGarde« – wie einfallsreich.
Kabel BW greift großzügig in den Schriftenkatalog
Der »Font-Inspektor« ist die neue Rubrik bei TYPOLUTION.de. Hier werden Schriftarten aus Unternehmen erkannt und analysiert. Für das erste Mal muss Kabel BW, Kabelnetzbetreiber für Baden-Württemberg, mit der neuen Optik und dessen Typografie herhalten. Am Rande erwähnt: Für alle anderen Bundesländer sind Kabel Deutschland und Unitymedia zuständig. Für Kabel Deutschland wurde die »KabelUnit« (basierend auf der »FF Unit«) und für Unitymedia die »Helvetica Neue Condensed« von Linotype herangezogen.
Vor dem Relaunch vor einigen Monaten hatte sich Kabel BW eigentlich komplett auf die »FF Dax Wide« eingefahren. Sowohl das Logo als auch alle andere typografischen Elemente waren in diesem Font gesetzt. Keine Frage, die »FF Dax« ist eine gut ausgearbeitete und umfangreiche Schrift, jedoch kamen die Preisauszeichnungen bei den Ziffern oft zu spitz und kantig daher. Vielleicht mag es aber auch daran gelegen haben, dass durch die häufige Verwendung der »FF Dax Wide« für Fließtext und Logo zu wenig getrennt waren.
Welche Beweggründe es für den Typowechsel gab ist vorerst ungeklärt. Für den Relaunch bekam Kabel BW erst einmal jede Menge Farbverläufe: im Logo, an den Flächen usw. Nicht einmal bei der Typo wurde Halt gemacht. Uff. Da hat wohl jemand die Verlauf-Funktion für sich und seine Layouts entdeckt. In den Genuss des Verlauf-Wahnsinns kommen nun zwei statt einer Schrift. Für Headlines, Navigationspunkte, Schlagwörter oder Preisauszeichnungen wird die »Conduit« von ITC in Versalbuchstaben verwendet. Für Fließtexte kommt die »Neo Sans« aus der Monotype Library zum Einsatz. Eine wirklich strikte Definition, wann welche Typo genau zum Einsatz kommt gibt es jedoch leider nicht. Manchmal ist auch dort die »Conduit« vertreten, an der die »Neo Sans« gewohnter wäre. Auch mit Versal oder Nicht-Versal nimmt man es nicht gar zu ernst. Aufgrund der Umstellung passiert es auch, dass in Geschäftdrucksachen oder im Online-Portal die »FF Dax Wide« sich noch eingeschlichen hat. Das mag man jedoch bei einem so großen Typo-Wechsel hin und wieder verzeihen.
Wieso man jedoch als fortschrittliches Internet- und Multimedia-Unternehmen nicht auf Webfonts setzt und sogar noch die »Arial« als dritte Schriftart ins Sortiment aufnimmt ist fraglich. Schließlich wären beide Schriften über den Webfont-Service von Monotype Imaging als Webfont vorhanden. Jedoch könnte es aber auch an technischen Voraussetzungen oder an der Lesbarkeit gescheitert sein, da die »Arial«-gesetzten Texte sehr klein verwendet werden.







